Und plötzlich hat man Krebs

Die Kurzfassung für Eilige: Tante Meuti hat Krebs. Das Mistding sitzt am Übergang zwischen Speiseröhre und Magen und wird derzeit mit einem harten Giftcocktail im Rahmen der Chemotherapie bekämpft. In ein paar Monaten folgt dann — so der Plan — die Operation mit dem Ziel der vollständigen Entfernung des Krebses und Heilung meinerseits.

Shocking? Ja. Aber so kann’s gehen. Ich beschränke mich darauf froh zu sein, mir einen „heilbaren“ Untermieter eingefangen zu haben. Wer die ganze Geschichte wissen möchte, kann hier gerne weiterlesen.

Eins noch vorab: Sinn und Zweck dieser Seite ist nicht das öffentliche Rumjammern oder Gute-Wünsche-Angeln für meine aktuelle Situation. Ich habe lange mit mir gehadert, ob ich überhaupt etwas dazu schreiben sollte. Nun gab und gibt es aber wirklich unglaublich viele nette Menschen, die sich — verständlicherweise — Sorgen machen und einfach wissen möchten, was genau los ist. Den unzähligen Anrufen, Whatsapp-, Facebook-, Insta-, Snapchat- und SMS-Nachrichten bin ich jedenfalls schon nach kurzer Zeit einfach nicht mehr hinterhergekommen. So entschied ich mich letztlich dafür, hier einen kurzen Überblick zu geben. Wozu hat man denn schließlich eine Webseite.

Wenn ihr hier klickt, kommt ihr zu einem (hoffentlich) regelmäßigen Update mit dem aktuellen Stand der Dinge am Ende der Seite.

Was ist denn jetzt eigentlich los?

Anfang März fing es von heute auf morgen an. Alles, was ich so zu essen versuchte, wollte sich plötzlich nicht mehr schlucken lassen. Kaum runtergeschluckt, kam es postwendend wieder zurück in den Mund. Das war erstmal „nur“ seltsam, aber bald wurde mir klar, dass es sich nicht um ein temporäres Problem zu handeln scheint. Nach einigen Tagen und diversen Selbstversuchen beschränkte sich mein Essensangebot ausschließlich auf Suppen ohne jegliche Beilagen. Nicht mal zartestes Weißbrot schaffte es durch die Speiseröhre. Das ist bis heute leider auch so geblieben.

„Da müssen Sie nächste Woche nochmal zur Kollegin“

Nachdem diese „Schluckbeschwerden“ auch nach einer knappen Woche nicht mal ansatzweise besser wurden, besuchte ich den Hals-Nasen-Ohren-Arzt, der mir eine überaus schnelle Endoskopie gewährte (aber nichts fand) und mich dann zum Röntgen schickte (wie man in Hanau als gesetzlich Versicherter zeitnah einen Röntgentermin bekommen soll, ist übrigens einen eigenen Beitrag wert — ich habe dann am nächsten Tag bequem einen online in Frankfurt gemacht). Dort wurde beim Breischluck festgestellt, dass da „auf jeden Fall etwas nicht in Ordnung ist“ und ich nochmal dringend zum Arzt soll. Aber mehr könne man mir nicht sagen.

So ging ich also ein paar Tage später wieder zum HNO. Diesmal dachte er zunächst, ich sei zu einem Impftermin da. Dann war er völlig verwirrt, dass ich den Röntgenbefund selbst mitgebracht hatte. Gnädigerweise sah er ihn sich trotzdem an, verzichtete aber darauf, mir irgendetwas dazu zu sagen. Seine abschließenden Worte waren: „Da müssen Sie nächste Woche nochmal einen Termin bei der Kollegin machen.“ Nach nicht mal vier Minuten stand ich dann wieder im Flur und war mittlerweile doch leicht frustriert.

Ab ins Krankenhaus

Nach einem weiteren hungerreichen Wochenende entschied ich mich schließlich dazu, doch erstmal zum Hausarzt zu gehen. Das stellte sich als gute Entscheidung heraus. Der Röntgenbefund wurde mir erklärt und ohne lange zu Überlegen bekam ich eine Einweisung ins Krankenhaus. Alles andere sei nur mit unnötiger Warterei verbunden (was ich zu diesem Zeitpunkt bereits vollends bestätigen konnte).

Im Krankenhaus ging dann tatsächlich alles auch ganz schnell. Diverse Untersuchungen, zwei Magenspiegelungen und eine CT brachten die traurige Gewissheit: da wächst ein Krebstumor zwischen Speiseröhre und Magen. Der ist mittlerweile schon so groß geworden, dass er die Speiseröhre zusammendrückt und somit verhindert, dass sich der Muskel zwischen Röhre und Magen entspannen kann, um das Essen durchzulassen. Ein so simples Problem mit einer so heftigen Auswirkung.

Dem Krebs an den Kragen

Nun wurde wenig Zeit verloren. Mein Fall wurde im Tumorboard besprochen, und es ging Schlag auf Schlag weiter. Ich bekam sicherheitshalber noch eine Bauchspiegelung, die glücklicherweise keinen weiteren Befall zeigte. Außerdem wurde mir im Rahmen der Vollnarkose ein Port unters Schlüsselbein gesetzt. Dieser dient als „Infusions-Eingang“ unter anderem für die Chemotherapie und hat schlicht den Vorteil, dass man mir nicht immer wieder aufs Neue die Venen kaputtpieksen muss.

Die wohl wichtigste Nachricht ist und bleibt: das Ziel der Therapie ist die Heilung. Das bedeutet, der Plan ist, den Krebs vollständig zu entfernen und mich wieder rundum gesund zu machen. Um dieses schöne Ziel zu erreichen, werde ich nun bis Ende Mai vier Chemotherapie-Zyklen erhalten. Diese dienen dazu, den Tumor schrumpfen zu lassen, um im Anschluss eine Operation zur Entfernung durchführen zu können. Ein Nebeneffekt wird hoffentlich sein, dass ich schon bald wieder normal essen und dadurch auch wieder etwas mehr zu Kräften kommen kann. Momentan bin ich leider wirklich nur ein Schatten meiner selbst.

Hier seht ihr ein Foto von mir mit meinem Port (unter dem oberen Pflaster) und der schicken 24-Std-Gift-Dosis um meinen Hals baumeln
Hier seht ihr mich mit meinem Port (unter dem oberen Pflaster) und der schicken 24-Std-Gift-Dosis an meinem Hals

Vergangene Updates

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Update vom 13.04.22: Die erste Chemo habe ich nun gestern hinter mich gebracht. Ich bin dann immer einen ganzen Tag in der Onkologie und bekomme eine Gifttüte nach der anderen reingepumpt. Beim Gehen wird mir dann noch eine 24-Stunden-Dosis um den Hals gehängt, die ich über Nacht mit nach Hause nehmen darf. Nebenwirkungen sind vorhanden, aber noch halten sie sich glücklicherweise in Grenzen. Ich bin super müde, meine Fingerkuppen reagieren extrem auf Kälte und fangen dann an zu bitzeln, flauer Magen… was man halt so kennt. Bisher ist das alles aber noch gut zu ertragen. Die nächste Chemo findet in zwei Wochen statt. Bis dahin tret ich dem Krebs noch ein bisschen weiter in den Arsch, damit er sich nicht zu heimisch fühlt 🙂

Update vom 18.04.22: Die Nebenwirkungen der Chemo bleiben (leider) konsequenterweise an meiner Seite. Die Übelkeit hält sich zwar einigermaßen in Grenzen, ist aber schon allgegenwärtig. Deutlich mehr zu schaffen macht mir allerdings die Müdigkeit — hier kommt wahrscheinlich aber auch so einiges zusammen: fehlender, bzw. sehr oft unterbrochener Nacht-Schlaf, seit zwei Monaten (!) kein richtiges Essen (sowieso das Allerschlimmste an der ganzen Geschichte) und die extreme körperliche Abgeschlagenheit als klassische Nebenwirkung der Chemo. Momentan hilft hier wirklich nur Arsch hochzwingen und bewegen. Sobald ich zum Beispiel Fahrrad fahre, ist von der Müdigkeit kaum noch was zu merken. Leider lässt sich dieser Effekt aber nicht speichern, so dass ich sofort wieder in müde Erschöpfung verfalle, wenn ich zu Hause ankomme.

Update vom 26.04.22: Das Erfreulichste zuerst: Beim Schlucken scheint sich etwas zu bewegen. Zumindest reine Flüssigkeit geht im Moment deutlich besser runter als noch am Anfang. Feste(re) Nahrung ist zwar noch keine Option, aber die Besserung lässt doch hoffen, dass das vielleicht bald wieder klappen könnte. Der Dreckstumor scheint auf jeden Fall schon ein bisschen zu schrumpfen.

Ansonsten ging es mir die letzten drei Tage endlich Mal etwas besser. Vor allem die erwähnte Schlappheit hat stark nachgelassen. Das wird allerdings vermutlich ab heute erstmal wieder vorbei sein. Denn just in diesem Moment hänge ich wieder am Chemobeutel — Runde Zwei hat begonnen. Killing you (the tumour, not me) softly 😋

Ich sitze mit Maske in der Onkologie und bekomme Chemo.
Gruß aus der Chemo

Update vom 27.04.22: Da hätte ich Mal besser nicht so vorlaut schreiben sollen, dass es mir endlich besser geht. Die zweite Runde Chemo hat irgendwie deutlich mehr reingehauen als die letzte. Die bereits bekannten Nebenwirkungen sind deutlich verstärkt schon am ersten Abend zurückgekehrt, und ich darf eine weitere schlaflose Nacht zur Sammlung hinzufügen. Bleiben wir aber optimistisch! Wenn’s früher schlimm ist, wird es bestimmt auch früher wieder besser. Und außerdem: immer wenn die Nebenwirkungen richtig hart sind, heißt das schließlich auch, dass der Tumor besonders hart was auf die Nüsse bekommt. Ist doch eigentlich auch Sinn der Sache…

Update vom 09.05.22: Sodele… Mal ein kleines Lebenszeichen. Runde Zwei hat tatsächlich bis Freitag ganz schön in mir gewütet. Immerhin blieb mir, wie schon letztes Mal, zumindest ein Wochenende in einigermaßen fittem Zustand. Ich habe es sehr genossen und widme mich nun mit wenig Vorfreude aber ausreichend Optimismus der dritten Chemo, die morgen früh ihren Lauf nehmen wird. Ansonsten gibt es nicht viel Neues, außer vielleicht, dass mir langsam aber sicher auch die Haare ausfallen. Sobald es gruselig genug aussieht, bekommt ihr dann auch ein schönes Chemo-Kopf-Foto 😀

Update vom 11.05.22: Es bleibt (leider) dabei. Die Chemos werden von Runde zu Runde härter. Nach der dritten Runde am Dienstag war ich platt wie eine Flunder. Zu allem Überfluss bekam ich gegen 22:00 Uhr dann auch noch Fieber und musste in der Notaufnahme vorstellig werden. So verbrachte ich also einen schönen Abend im Krankenhaus statt vor dem Fernseher und wurde mit diversen Inufsionen wieder aufgepeppelt. Außerdem gab es Blutabnahme, Urintest, Ultraschall-Untersuchungen, PCR-Test… Das volle Programm. Gegen 3 Uhr durfte ich dann glücklicherweise wieder nach Hause. Heute in der Onkologie wurde dann erneut Blut abgenommen. Es scheint aber soweit erstmal alles in Ordnung zu sein. In zwei Wochen folgt die letzte Runde — die werde ich auch noch überstehen, und dann geht’s dem Tumorchen endgültig an den Kragen.

Ein schwer verkabelter und hoch begeisterter Meuti nachts in der Notaufnahme

Update vom 21.05.22: Sind wir Mal ganz offen… Diese dritte Runde war einfach beschissen. Nach der Notaufnahme-Party ging es mir kurzzeitig eigentlich ganz gut, und ich hatte die Hoffnung, dass es eine relativ entspannte Zeit werden könnte. Das hielt dann allerdings nicht lange an. Es gab zwar durchaus einige gute Momente/Phasen, aber vor allem die Übelkeit war dieses Mal überaus hartnäckig. Normalerweise nehme ich die Tabletten gegen ebendiese Übelkeit nur in der ersten Woche und komme dann ganz gut klar. Aber diesmal musste ich sie komplett durchnehmen. Selbst mein sonst wirklich „gutes“ Wochenende vor der nächsten Chemo scheint mir nicht vergönnt zu sein. Naja… Augen geradeaus. Ist ja nur noch einmal jetzt. Der Haarausfall hat sich übrigens nach einer gewissen Weile auch wieder beruhigt und scheint nun auf dem aktuellen Stand zu verharren. In echt sieht das zwar noch deutlich verstörender aus, trotzdem kommt hier das versprochene Foto (ja, mit Snapchat-Filter, damit man die Augenringe nicht sieht — ein bisschen eitel bin ich eben auch noch).

Meutis Chemokopf
Wer genau hinsieht, bemerkt die vielen kleinen Lücken in der Haarpracht

Update vom 23.05.22: Frei nach Erich Kästner: „Und wo bleibt das Positive, Herr Bechtold?“ — Na gut! Dann schließen wir die dritte Runde der Chemo-Therapie doch Mal mit etwas Erfreulichem ab. Entgegen meiner geäußerten Befürchtung ging es mir seit Samstag (für meine momentanen Verhältnisse) ausgesprochen gut. Die Übelkeit hat sich verzogen, und auch sonst habe ich ausnahmsweise Mal nichts zum Klagen. An besagtem Samstag haben wir sogar im kleinen Kreis den Grill angeschmissen — und, kaum zu glauben, aber wahr: ich konnte ohne nennenswerte Schwierigkeiten eine halbe Brühbratwurst verputzen und unglaubliche fünf alkfreie Hefenweizen vernichten. Seitdem genieße ich (belegten!) Toast, Fleischkäse und einiges mehr, zwar in Zeitlupe und sehr homöopathischen Mengen, aber immerhin: Wenn das kein Beweis ist für die Tumor-Crisis…
Um jetzt aber nicht gleich zu übertrieben positiv zu werden: Morgen kommt Runde Vier. Dann heißt es sehr wahrscheinlich erstmal wieder „Back to Flüssischnahrung“. Und doch… es sind dann nur noch anderthalb bis zwei Wochen. Des pack mer scho!
Prost! Euer Meuti

Wer hat die halbe Wurst genascht? Ei, ICH 😀
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